Literature

Der Reifen

Ein einzelner kaputter Fahrradreifen liegt auf meinem Weg als ich wieder einaml viel zu spät heimgehe. Ich bleibe eine Minute lang stehen und versuche mir das Bild einzuprägen. Er liegt mitten im Lichtkegel der einzigen Straßenlaterne in 50 Meter Umkreis.
Ich könnte jetzt sinnieren über den Symbolgehalt dieses einzelnen verbogenen und aufgeschlitzen Gummidinges da vor mir, über den Sinngehalt dieses Bildes und die emotionale Verbindung zu der Einsamkeit des Menschen der irgendwann wenn er Glück hat auch nur einsam, verlassen und unnütz herumliegt, vielleicht gesehen wird, vielleicht auch nicht, und dann dem Blick anderer entschwindet wie der Reifen irgendwann morgens von der Straßenreinigung mitgenommen wird.
Das könnte ich, das tue ich aber nicht (oder jedenfalls nur kurz), denn ich bin müde, meine Füße tun mir weh vom laufen und tanzen in diesen Schuhen, den guten, und außerdem muß ich pissen.
Also gehe ich weiter und lasse ihn einfach da liegen, einsam und verlassen. Morgen früh nimmt ihn die Straßenreinigung mit.
Wen kümmerts?
18.5.06 03:17


Karl Koch und der Illuminatus! (meine Meinung dazu...)

Karl Koch war ein Idiot...
...und ich meine das auf die bewundernste und bemitleidenste Art die m?glich ist.
Sein Problem war nur, da? er in einer Zeit und einem Land geboren wurde in welchem ein Text wie der Illuminatus! einfach falsch verstanden (bzw. wies heutzutage so oft hei?t: rezipiert) wurde.*
Ich habe anfangs nie verstanden wie man dieses Werk so falsch verstehen konnte, allerdings ist mir dann vor kurzem (beim letzten Durchlesen des Buches) aufgefallen was an mir so anders ist als an anderen Personen die es lesen: ich hatte von anfang an einen anderen kulturellen Horizont als andere die es lasen.
Das Buch an sich und alle seine Aussagen stellen sich am Ende ls h?chst unterhaltsamer und ?beraus kompliziert ausgeformter Witz heraus. Das Buch ist nicht so sehr ein Thriller, auch wenn es am Anfang so wirkt und von vielen so aufgefasst wurde, sondern der Versuch einer kritischen Auseinandersetzung mit Ideologien, Politik und Aberglauben. Im Grunde ist es eine geniale Collage aus Schnipseln des amerikanischen Unterbewu?tseins und daher vor allem von Amerikanern zu verstehen.
Diese Sichtweise, dieses Spekulieren war und ist allerdings deutschen Lesern offenbar sehr fremd. Selbst wenn ich heute von dem Buch erz?hle versteht kaum jemand worauf ich mit diesen verr?ckten Verschw?rungstheorien eigentlich hinaus will. Deutsche nehmen das Thema Verschw?rung einfach zu ernst.
Wie gesagt: ich hatte da einen anderen Horizont als ich das Buch zum ersten mal las. Ich hatte mich vorher schon mit Geheimgesellschaften befa?t, wu?te ?ber die Diskussionen zum Kennedyattentat bescheid, konnte die Referenzen auf Lovecraft verstehen, ich wu?te sogar wer Dillinger war und konnte viele kleine Details in dem Buch richtig zuordnen**.
Ich kannte mich also, obwohl ich noch nie in Amerika war, etwas aus in der dortigen Politik, der Geschichte und der dortigen Kultur, im Gegensatz zu anderen bin ich durch amerikanische Kultureinfl?sse ?ber die Jahre schon amerikanisiert worden ohne es wirklich zu bemerken.
Au?erdem ist das Werk auf einem internen Schema aufgebaut welches dazu f?hrt, da? zu Beginn den Leser ersteinmal verwirrt, seine Erwartungshaltung desorganisiert und danach sei Lesebwu?tsein neu aufgebaut wird...
Koch scheint damals nur den ersten Band gelesen zu haben, der ein wirklich desillusionierendes Ende hat. Die Struktur des Buches gibt in jedem Abschnitt und Kapitel jeweils mehrere M?glichkeiten vor denen man glauben kann, die sich aber gegenseitig wi.dersprechen. Das hei?t anstatt einer koherenten Handlung zeigen sich viele Sichtweisen und Interpretationen dieser. Der Leser mu? sich selbst ein Bild davon machen/schaffen was eigentlich genau passiert.
Sollte man heute mal jemanden treffen der wirklich schon mal von diesem Werk geh?rt hat, war dies meistens durch den Film 23, in dem dem die Lebensgeschichte von Karl Koch erz?hlt wird...mit dem Ergebnis, da? diese Person meistens nur wei? da? eben 23 die Zahl der Illuminaten ist und die Illuminaten hinter allem stecken und so... Meistens glauben sie dann noch die Handlung damit komplett zu kennen ohne auch nur einen hauch einer Ahnung zu haben.***
Das eigentliche Ziel des Buches ist es seinen Leser an freies kritisches Denken heranzuf?hren, dummerweise versagt es bei Leuten die keine Veranlagung dazu haben...
(Oder um Leary zu zitieren: Drogen erweitern das Bewu?tsein, ber nur bei Leuten die bereits eines haben...)
Den meisten Leuten bleibt das Buch wohl einfach unverst?ndlich.
Leider bleibt es damit auch denen unbekannt denen es helfen k?nnte sich und die Welt besser zu verstehen. Mir selbst hat es damals sehr geholfen als ich es gelesen habe, im gegensatz zu Koch habe ich das Werk ganz durchgelesen und wirklich die Lehre daraus gezogen die wohl beabsichtigt war. Gut, es haben noch ein paar andere Faktoren mit hineingespielt, aber ich glaube m Ende war ich wirklich ausgeglichener und weltoffener als vorher.
(Alllerdings war ich vorher auf einem absoluten Selbstzerst?rungstrip, das Buch hat mir damals geholfen eine neue Sichtweise auf die Welt zu bekommen... gleichzeitig hat es auch alles zerst?rt was ich an politischen Gesinnungen hatte (nicht viel eigentlich zu der Zeit), seit ich es gelesen habe f?llt es mir schwer irgendeine Ideologie wirklich so gutzuhei?en und sie nicht auf irgendeine Art und Weise kritisch zu hinterfragen... und es f?llt mir nicht mehr schwer noch vor dem Fr?hst?ck an 12 unglaubliche Dinge zu glauben )

Warum hab ich jetzt eigentlich so viel geschrieben? Ich wei? es nicht...




* F?r alle Uneingeweihten: Es ist hier jetzt nicht die Rede von Dan Brown's Buch Angels and Demons, welches in Deutschland seltsamerweise den Titel Illuminati erhalten hat, sondern von dem in den 70ern erschienen Buch lluminatus! (mit dem ! am Ende), welches von R.A.Wilson und R. Shea geschrieben wurde.
Seit der unvorteilhaften Entscheidung der deutschen Pubizisten das Buch auf deutsch Illuminati hei?en zu lassen bekommt man, sobald man von dem fr?heren Buch spricht, dieses typische verschw?rerische L?cheln von seinem Gegen?ber und irgendwas zu h?ren von einer Atombombe unter dem Vatikan. Wenn man dann erz?hlt, da? das Buch Illuminatus! nicht das gleiche ist, wird man schief angeschaut und mu? sich anh?ren da? das Buch von Brown viiiel besser ist und das andere wahrscheinlich eh nur ein Plagiat da? auf den Erfolgsstrom aufspringen will. Das typische Ph?nomen da? leute einfach nicht auf das Erscheinungsdatum eines Buches achten...
Terry Pratchett wurde auch mal vorgeworfen er h?tt J.K.Rowling plagiarisiert, weil in seinen B?chern eine Zaubererschule mit spitze H?te tragenden Zauberern vorkam. Da? er seine B?cher 10 Jahre vor Harry Potter ver?ffentlich hatte und damit auch schon in den Bestsellerlisten war, da? st?rte diese kritiker nicht...
Nun, ich habe nichts gegen Brown, allerdings sind die B?cher nicht unbedingt miteinander zu vergleichen...Brown schreibt Enth?llungsthriller soweit ich wei? (ich habe noch kein Buch von ihm wirklich gelesen, eben weil ich davon abgeschreckt war, da? man auf die billige Msche verfallen mu?te es Illuminati zu nennen um an das fr?here Werk anzukn?pfen) w?hrend der Illuminatus! Eine philosophisch-politisch-k?nstlerische Tour-de-Force quer durch die Welt der Verschw?rungen ist...

** Das Buch Illuminatus! Leidet unter der publizistischen Eigenart derTrilogie. Ein anderes Beispiel daf?r ist Der Herr der Ringe. Weder Tolkiens Wek, noch das von Shea/Wilson, ist eine Trilogie, es wurde nur als eine solche ver?ffentlicht. Beide Werke sollten eigentlich nur als gesamtwerk gelesen werden und sind im Inneren auch enorm anders aufgeteilt als und die Herausgabe in drei B?chern weismchen will. Der Herr der Ringe besteht eigentlich aus 6 B?chern und seinen Anh?ngen, der Illuminatus! Aus 5 und Anh?ngen. Das zeigt sich dann beim Illuminatus! Auch darin, da? im dritten Band die Handlung eigentlich schon abgeschlossen ist und der Band zum gr??ten Teil wirklich nur noch aus (?beraus lesenswerten) Anh?ngen besteht.

*** Es ist ein verbreitetes Ph?nomen da? Leute die mal von einem Roman geh?rt haben, oder sogar eine Inhaltsangabe dazu gelesen haben, meinen sie w??ten um was es in dem Buch geht. Schlimmer ist nur noch wenn sie den Film dazu gesehen haben, oder sogar nur einen Film der das Buch nur am Rande streift, wie eben 23.
Zu den Mi?konzeptionen solchen ?Allgemeinwissens? z?hlen u.a.:
Frankenstein: Der Name Fankenstein bezeichnet nicht das Monster sondern den skrupellosen aber durchaus gutaussehenden Wissenschaftler der das Monster erschafft.
Dracula: Dracula ist ein charismatischer rum?nischer Adliger, nicht der stupide Vampirgraf als der er immer dargestellt wird.
Moby Dick: Ok, was wi?t ihr ?ber Moby Dick, nun? K?ptn Ahab jagt wei?en Wal Moby Dick. Und sonst?
Sherlock Holmes: Watson ist kein d?mmlicher Assistent sondern ausgebildeter Milit?rarzt, Holmes nimmt ?brigens aus Langeweile oft und sehr viel Kokain.
Herr der Ringe: Praktisch das Paradebeispiel in letzter Zeit, pl?tzlich meint jeder er wei? worum es im Roman geht, keiner hat mehr ne Ahnung wer Tom Bombadil ist und warum er absolut cool ist, Faramir und die ganze Familie der Truchsesse von Gondor sind als arrogante Arschl?cher dargestellt (aaaaaargh!!! Gerade die die richtig gro?artige tragische Helden sind! Alle drei!), pl?tzlich denkt jeder er w??te wie Mittelerde aussehen mu? und ich denk mir einfach: nein, so eben nicht. Jeder mu? es sich selbst vorstellen k?nnen.

Nachtrag 16:32:
Das doofe an so langen Texten ist, da? man st?ndig neue Fehler findet wenn man sie nochmal durchliest. ich hab jetzt gerade dreimal hintereinander den Text nochmal verbessert weil Rechtschreibfehler drin waren...jetzt hab ich keine Lust mehr. Wer noch welche findet darf sie behalten.
28.1.06 16:16


The Jabberwocky - Der Zipferlake

Ich denke f?r dieses Gedicht mu? man wohl eine ?bersetzung mitliefern, vor allem wenn sie so kongenial gemacht ist wie diese...

Jabberwocky
von Lewis Carroll

Twas brillig, and the slithy toves
Did gyre and gimble in the wabe;
All mimsy were the borogoves,
And the mome raths outgrabe.

Beware the Jabberwock, my son!
The jaws that bite, the claws that catch!
Beware the Jubjub bird, and shun
The frumious Bandersnatch!

He took his vorpal sword in hand:
Long time the manxome foe he sought
So rested he by the Tumtum tree,
And stood awhile in thought.

And as in uffish thought he stood,
The Jabberwock, with eyes of flame,
Came whiffling through the tulgey wood,
And burbled as it came!

One, two! One, two! And through and through
The vorpal blade went snicker-snack!
He left it dead, and with its head
He went galumphing back.

And hast thou slain the Jabberwock?
Come to my arms, my beamish boy!
O frabjous day! Callooh! Callay!
He chortled in his joy.

Twas brillig, and the slithy toves
Did gyre and gimble in the wabe;
All mimsy were the borogoves,
And the mome raths outgrabe.



und hier die ?bersetzung...

Der Zipferlake
von Christian Enzensberger

Verdaustig war's und glasse Wieben
rotterten gorkicht im Gemank;
Gar elump war der Pluckerwank,
Und die gabben Schweisel frieben.

?Hab acht vorm Zipferlak, mein Kind!
Sein Maul ist bei?, sein Griff ist bohr!
Vorm Fliegelflagel sieh dich vor,
Dem mampfen Schnatterrind!?

Er z?ckt' sein scharfbefifftes Schwert,
Den Feind zu futzen ohne Saum;
Und lehnt' sich an den Dudelbaum,
Und stand da lang in sich gekehrt.

In sich gekeimt, so stand er hier,
Da kam verschnoff der Zipferlak
Mit Flammenlefze angewackt
Und gurgt in seiner Gier!

Mit eins! Mit zwei! und bis aufs Bein!
Die biffe Klinge ritscheropf!
Trennt er vom Hals den toten Kopf,
Und wichernd springt er heim.

?Vom Zipferlak hast uns befreit?
Komm an mein Herz, aromer Sohn!
O blumer Tag! O schlusse Fron!?
So kr?pfte er vor Freud.

?Hab acht vorm Zipferlak, mein Kind!
Sein Maul ist bei?, sein Griff ist bohr!
Vorm Fliegelflagel sieh dich vor,
Dem mampfen Schnatterrind!?
20.1.06 23:49


Die gr??ten Kritiker der Elche
waren fr?her selber welche.
16.1.06 14:24


Oscar Wilde

Ich hab vor ein paar Tagen ein paar nette Zitate von Oscar Wilde gefunden (Gott, er war ein K?nstler des Bonmots!):

America had often been discovered before Columbus, but it had always been hushed up.

America is the only country that went from barbarism to decadence without civilization in between.

Biography lends to death a new terror.

I am not young enough to know everything.

I think that God in creating Man somewhat overestimated his ability.

Most modern calendars mar the sweet simplicity of our lives by reminding us that each day that passes is the anniversary of some perfectly uninteresting event.

One can survive everything, nowadays, except death, and live down everything except a good reputation.

I can believe anything provided it is incredible.

All women become like their mothers. That is their tragedy. No man does. That is his.

Men always want to be a woman's first love. Women have a more subtle instinct: What they like is to be a man's last romance.
7.12.05 03:17


"'And were you pleased?' they asked Helen in Hell.
'Pleased?' answered she, 'When all Troy's towers fell;
And dead were Priam's sons, and lost his throne?
And such a war was fought as none had known;
And even the gods took part; and all because of me alone! Pleased?
I should say I was!"

-- Lord Dunsany
13.11.05 02:10


I Cthulhu

or What's A Tentacle-Faced Thing Like Me Doing In A Sunken City Like This (Latitude 47? 9' S, Longitude 126? 43'W)?

Neil Gaiman, in Deutschland eher bekannt f?r seine Zusammenarbeit mit Terry Pratchett in Good Omens und seine Comicserie Sandman (die definitiv eines der besten Werke ist die jemals im Comicwesen erschienen sind), hat in fr?hen Jahren mal eine Kurzgeschichte geschrieben die den sinnigen Titel I Cthulhu trug. Wem der Name Cthulhu nichts sagt der braucht sich gar nicht drum k?mmern worum es geht, er versteht von der Geschichte n?mlich erstmal gar nichts und sollte sich erstmal ein paar Geschichten von H.P. Lovecraft zu Gem?te f?hren...
Dem eingefleischten Lovecraft-Fan allerdings erschlie?t sich bei dieser Geschichte mal ein ganz anderer Blick auf unsere liebste Abscheulichkeit-aus-den-tiefen-des-Weltraums. So erz?hlt hier Cthulhu selbst von seinen Abenteuern mit den "Jungs" (also Yog-Sothot, Shub-Niggurath und die anderen Mythosg?tter), die ihn auf diese kleine Welt verschlagen haben.
Definitiv f?r jeden Mythosfan ein must-read.
Der Link geht auf Neil Gaiman's Homepage wo er die Geschichte wiederver?ffentlich hat.
2.11.05 01:52


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