Ins Messer laufen (IST: Gejammere)

In letzter Zeit fühle ich mich mal wieder irgendwie verarscht. Besser: Irgendwie kommt es mir vor als würde man mich gern zur Zeit irgendwie anlocken und dann ins Messer laufen lassen. Das ist jetzt nie so wirklich der Untergang der Welt, aber es ist ärgerlich. Wie ein dauernd juckender Fliegenstich auf meiner Seele.

Fall Nummer 1: Meine Arbeit
Ich arbeite jetzt seit 2004, seit meinem letzten Schuljahr, als Touristenführer in einem recht anstrengenden Job. Die meisten Menschen denen ich das erzähle denken immer wieder es wär ja so ein leichter Job, man stellt sich halt hin und erzählt was. Manche denken sich auch es wär ein schwerer Job, weil da muß man sich ja hinstellen und anderern Leuten was erzählen. Meiner Erfahrung nach ist es eher ein anstrengender Job, wie alle Servicejobs bei denen man mit Menschen arbeitet. So finden das auch viele andere, dank der Arbeitsbedingungen gibt es wenige Leute die mehr als ein paar Monate dort arbeiten, die meisten suchen sich nach kurzer Zeit grünere Gefilde.
So war ich angenehm überrascht als es nach meiner Rückkehr aus Irland hieß, daß ich jetzt, endlich, nach 4 Jahren in diesem Job, mal eine Lohnerhöhung bekomme. Wie jeder andere da auch, aber zumindest bekomme ich eine...
Um dann nach zwei Tagen Arbeit zu erfahren daß ich zwar diese Lohnerhöhung bekomme, jetzt aber auch meine Pausen eintragen muß, die mir von meinem Lohn abgezogen werden. Pausen die ich nicht einmal machen kann, weil es der rigide Zeitplan dort nicht erlaubt.
Mit den Pausen bekomme ich nun also insgesamt einen gerade mal zweistelligen Centbetrag mehr als vorher. Schön. Und mein Vorgesetzter erzählt mir natürlich auch noch stolz daß das ja sooooo toll sei und daß man uns dabei ja noch was gutes täte.
Sowas sagt man mir natürlich erst nachdem ich den neuen Vertrag unterschrieben habe. Denn im Prinzip war das ja schon immer genau so mit den Pausen. Nur daß man das jetzt halt genauer macht.
Och, nicht daß das so viel bedeuten würde, ich bin immer noch nur Hilskraft und deswegen nicht an die gebunden, aber es stört mich jetzt schon etwas.
Aber wenn die mir zuerst sagen: Joah, du bekommst ja mehr jetzt, und denken ich wäre unendlich dankbar dafür daß ich effektiv am Ende das gleiche bekomme anstatt noch weniger, dann haben sie sich irgendwie geschnitten.[1]

Und dann dann Fall 2: Meine Eltern und meine neue Wohnung
Mein Vater versucht mich jetzt seit Wochen dafür zu gewinnen im Wohnheim zu wohnen wenn ich wieder nach Bamberg ziehe.

Okay, ganz kurzer Reality-Check: Ich würde im günstigsten Fall in einem wunderschönen Wohnheim in der Innenstadt wohnen, dafür aber mit lauter feiernden Erstsemestern zusammen (denn jeder andere zieht eher aus dem Wohnheim AUS...), hätte eine Gemeinschaftsküche mit dem Rest des Stockwerks, hätte ein Zimmer in dem grad mal genug Platz ist sich rumzudrehen, dafür einen Knebelvertrag aus dem ich nur zweimal im Jahr raus kann, und in den ich erst im Oktober überhaupt reinkann, was bedeutet daß ich bis dahin bei meinen Eltern wohnen und in der oben erwähnten Arbeit arbeiten müsste... klingt das nicht einfach traumhaft?
Habe ich erwähnt daß es noch dazu nicht mal die billigste Alternative ist? Selbst im Vergleich zu WGs mit größeren Zimmern?

Meine Eltern aber sind der festen Überzeugung daß a) ein Wohnheim billiger ist (immer!) und b) ein Student auch im Wohnheim wohnen sollte.
Erschwerend kommt hinzu daß mein Vater einen Bekannten hat der meint mir dort etwas besorgen zu können.
Und hier kommt dann die Falle: Mein Vater möchte daß ich die Anmeldung dafür ausfülle; meine Mutter meint da könnte man sich ja abmelden wenn man zeitig was anderes findet.
Dann fülle ich eben den Wisch aus, immerhin sagen sie ja daß ich das Zimmer nicht nehmen muß.
Plötzlich meint mein Vater: Ja wenn du den Platz im Wohnheim jetzt bekommst, dann mußt du den auch nehmen, mein Bekannter hat sich ja dann für dich eingesetzt...
Und wieder ins Messer gelaufen. Entweder ich verprelle meine Eltern jetzt dadurch, daß ich garnicht erst diese Anmeldung abgebe, oder ich verprelle sie dadurch daß ich den Platz (den ich ja laut ihnen fast sicher habe) dann nicht annehme weil ich was besseres gefunden habe.
Ich hasse es wenn meine Eltern sowas mit mir machen, noch mehr als wenn meine Arbeit soetwas macht. Bei der Arbeit kann ich kündigen, bei meinen Eltern nicht...
Die Sache ist die, daß ich ihnen ja prinzipiell dankbar dafür bin wenn sie sich wegen so etwas Gedanken für mich machen, nur: Warum beinhaltet dieses "Gedanken machen" bei ihnen gleich eine Verpflichtung meinerseits ihren Vorschlägen zu folgen? Vor allem wenn ich persönlich der Meinung bin, daß diese Vorschläge, gelinde gesagt, Müll sind?

Vielleicht sollte ich öfters einfach mal durchblicken lassen, daß mein derzeitiger Zustand "25-jähriger der im Keller bei seinen Eltern wohnt" wirklich nichts ist was ich als lohnenswerte Perspektive für meine Zukunft sehe, sondern eher ein kleiner, zwei- bis dreiwöchiger Zwischenstopp auf dem Weg in die eigene Wohnung. Auch wenn sie irgendwie meine bisherigen Bemerkungen dazu konsequent ignorieren und der Meinung sind es wäre so etwas wie mein Lebensziel bei ihnen zu wohnen.

Nebenbei: Warum ist eigentlich jeder mit dem ich bisher hier geredet habe der Meinung ich wäre froh wieder in diesem Drecksloch herumzusitzen? Irgendwie lief jedes Gespräch über mein Auslandsjahr ungefähr so ab: Und wie wars denn? Und, bis froh wieder zu hause zu sein?! Gell, zu Hause ist immer doch am schönsten. Ist schön wieder zu Hause zu sein, oder? Da hat man halt die Leut die man kennt!
Nach dem fünften mal bei dem das jemand bei mir gemacht hatte hätte ich diejenige am liebsten geschlagen.
Macht man natürlich nicht, da käm' man ja auch ins Gerede...

Obwohl, manchmal... ein Beispiel dafür wie schlimm es hier manchmal sein kann: Ich habe vor ein paar Tagen einen Brief nach Polen geschickt. Als ich am Postschalter stand kam die Verkäuferin [2]
zu mir und meint "Oh, nach Polen! Das ist nicht mehr Deutschland oder?".
Ich denke da noch sie hätte einen Witz gemacht, aber dann kommt:
"Nene, das ist nicht Deutschland, aber ist Polen in Europa?!" und dann macht sie sich schon etwas verzweifelnd über ihre Tabellen um nach ein paar Minuten zu bestimmen, daß ja! Polen ist ja sogar in der EU!
...
Ähm...
...
Ach, ich sag lieber nichts mehr dazu.
Nur: Ich will hier weg...
Aber ich glaub das hab ich hier vorher schon mal geschrieben...


[1]Wir bleiben heute irgendwie bei den Messeranalogien...

[2] denn man hat natürlich keine richtige Post mehr sondern nur noch einen Schalter im örtlichen Supermarkt... "der Kunde gewinnt!" hat der Postchef die Tage verlauten lassen als er die Schließung auch der letzten eigenen Filialen der Post verkündete...
15.6.08 01:00
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


mary (5.7.08 19:59)
i hate that you're upset but i love your upset writing! and i know what you mean about everyone saying - isn't it great to be home? when i was still missing the shit out of europe. hope things get better for you ...


georg / Website (6.12.08 11:19)
Das kommt einem nur vor, wenn alles zusammen kommt. Eine Nacht drüber schlafen und dann sieht das vlt schon anders aus.

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen